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16.05.2012

SE Kunst im Jahr 1913. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
bei Prof. Dr. Bénédicte Savoy

In den kommenden 10 Minuten werde ich die folgende Frage beantworten: Inwiefern die Aneignung wissenschaftlicher Theorie dazu beigetragen hat, dass  Duchamp eine neue Auffassung der vierten Dimension in Kunst geschaffen hat? Dafür werde ich mit einer Anekdote beginnen…

Die Geschichte fängt Herbst 1912 in Paris an, genau im Grand Palais. Anlässlich einer Luftfahrtschau (davon eine Anzeige auf einer amerikanischen Zeitschrift, Juni 1912) drei Freunde, Duchamp, Brancusi und Leger, stehen vor einem Propeller.

Duchamp sagte zu Brancusi:

„Mit der Malerei ist es vorbei. Wer könnte etwas Besseres machen als diesen Propeller? Sag, kannst Du so etwas machen?“.

In dieser Aussage sind merkwürdigerweise 4 Züge enthalten, die den Rahmen des Wandels Duchamp ausmachen … und worüber ich referieren werde.

a)„Malerei ist vorbei“: kennzeichnet die Abkehr vom art rétinien. Solch eine Abkehr deckt sich mit dem Vorzug der sogennanten matière grise (Graue Substanz). Daher kommt es, dass eine Intellektualisierung des künstlerischen Raumes statt findet: ein intelletkualisierter Raum, der Wörter und Begriffe in sich empfangen kann, und nicht nur von ihnen (zBs. Titel, Beschreibungen…) begleitet zu werden.

b) „Etwas Besseres…“: steht für seine Geneigtheit zur Präzisionsmalerei …die in seinen Zetteln in Zusammenhang mit der beauté d’indifférence (dem Schöne der Gleichgültigkeit) vorkommt. Also: Präzis wie die technische Zeichnung; Gleichgültig gegenüber jeglicher Idiosynkrasie.

c) „…machen können“:  deutet die Handfertigkeit an und beruft sich wahrscheinlich auf Kandinsky zurück  (den er in München 1912 liest). Zitat: “Gibt es in der Kunst keine vollkommen materielle Form: Wohl oder übel unterliegt der Künstler seinem Auge”. Dieser Herausforderung zufolge, beginnt Duchamp zuerst beim technischen Können; danach richtet er sein Interesse auf das intellektuelle Kennen.

d) „Sag, kannst Du so etwas machen?“. Hier zeigt sich seine provokative Ironie aus. Auch zur Wissenschaft nimmt Duchamp eine ironische Haltung ein…. Aber nur nachdem er sie eingehend studiert hat, fühlt er sich imstande mit kritischen Instanzen die Grundlage  des Wissen in Frage zu stellen. Duchamps Zitat: „Ich sah eben nicht ein, weshalb wir vor der Wissenschaft eine solche Ehrfurcht haben sollten, und deshalb mußte ich eine andere Form der Pseudoerklärung liefern”.

Soweit der erste Schritt. Die Pseudowissenschaft von Duchamp ist nicht eine Wissenschaft zum Schein, sonder eine formlose Liebe zum Wissen. Wissenschaftliche Theorien sind also nicht nur seine Hauptinspirationsquelle sondern auch ein Vorbild seines künstlerischen Modus operandi. Seine Experimentkunst – so Molderlings -fängt dort an, wo die Wissenschaft ihre Grenzen hat.

Wie verwirklicht sich diese Pseudowissenschaft im konkreten Kunstwerk? In welchem?

Drois stoppages étalon (1913)

Warum dieses Werk?

–        Es entstand 1913;

–        wurde von Duchamp selbst, 1961 sogar als sein wichtigstes Werk erklärt;

–        verdeutlicht die vollendete Einbeziehung der Wörter;

–        ist Molderling nach: “Duchamps erstes wissenschaftskritisches Kunstwerk”.

Eine kurze Beschreibung des Werkes, dessen erste Version heute im MoMa (NY) aufbewahrt ist. Es ist eine hölzerne Box, die drei Fäden enthält. Die Disposition dieser Fäden lässt sich besser deuten, wenn  man die Anleitung lesen kann, die Duchamp auf diesem Zettel aufgeschrieben hat.

Aus meiner Sicht ist dieses Werk der erste konkrete Versuch, die n-dimensionale Geometrie in Kunst zu deklinieren.

Aufgrund eines Briefes, den Molderlings 2006 veröffentlichte, ist es bewusst gemacht worden, dass beim Fallen des Fadens  „die geraden Linien zu gekrümmten wurden und die dritte Dimension absorbierten“. Zum Schluss möchte ich die Kompetenz Duchamps weiter beweisen.

Dafür ist eine einfache Einführung zu mathematischen Begriffen erforderlich.

Die Entstehung einer vierten Dimension ist in der Tat nur dadurch veranlasst, dass das Denken durch Vergleichungen und Projektionen imstande ist, Analogien abzubilden. Weg, also, von dem banalen wirklichen 3D-Raum!

 

Gegebnen seien… Étant donnés: die linearen Räume (Punkt, Gerade, Ebene…).

Punkt ist ein nulldimensionaler linearer Raum;

Gerade ein eindimensionaler linearer Raum;

Ebene ein zweieindimensionaler linearer Raum; usw.

Eine Gerade wird von zwei Punkte (durch eine Linie) bestimmt; ein Ebene von drei (duch zwei Linie)r; usw. Aus diesem Grund werden sie lineare  Räume genannt. Alle nichtlinearen Räume sind gekrümmte lineare Räume. Wie in der Ebene krumme Linien liegen können, “ebenso, vermuten wir, – so ein Mathematiker – können in einem linearen vierdimensionalen Raum krumme dreidimensionalen Räume eingebettet sein” (Baumgartner 1954).

Die „gekrümmten Fäden“ Duchamps weisen deutlich auf die nicht-euklidische Geometrie hin.

Das ist nur einer der vielen möglichen Beweisen der Kompetenz Duchamps.

Aber nur komme ich zu meinem Fazit.

Die Ablehnung des Raumes ist bei Duchamp auch eine Ablehnung der Zeit, und zwar der dreidimensionalen Raum und der messbaren Zeit.

Diese Ablehnung wird wissenschaftlich begründet:

So Poincaré: “Alles, was nicht Gedanke ist, ist das reine Nichts” (1905).

Duchamp geht aber nicht der Wissenschaft nach, sonder übertrifft sie. Nachdem er sie aneignet hat, kehrt er zurück, wo die Kunst das Alltägliches begegnet.

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2 thoughts on “Manuskript meines Vortrags_Duchamp: Die Gleichgültigkeit des Raumes

    • Liebe Magda,
      vielen Dank – zunächst -, weil Du Dir die Bemühung gibst, mein unbedeutendes Blog zu lesen.

      In Bezug auf meinem Deutsch: dieses Referat hat mir so viel Arbeit gemacht, dass dieser Beitrag keinen schlagenden Beweis dafür stellt, dass meine Sprachkenntnis so gut ist, wie Du großzügigerweise einschätzst.
      🙂

      Ad ogni modo, grazie ancora.

      A presto!

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