Funktion/Ornament des Glases

Hier berichte ich über den wissenschaftlichen Beitrag, den ich heute im Rahmen des Seminar von Frau Wittmann-Englert zum Glasarchitektur geleistet habe. Es geht um das Verhältnis Funktion/Ornament, in Hinsicht auf die Architektur von Herzog & de Meuron, bzw. auf das Ricola Gebäude. Ich habe den theoretischen Teil v. a. anhand der Schriften von  Adorno untermauert.

Auf dem Blog schreibe ich nur ein Résumé. Das vollständige Papier “Die ornamentale Funktion” kann man bei Scribd lesen. Es ist folgendes Link abrufbar/zitierbar: http://www.scribd.com/doc/99128411

04.07.2012
 
SE 3132 L 519 Glasarchitektur
Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert
Thema: Architektur und Kunst
Referenten: Anne Wesolek, Emanuele Sbardella
Grundriss des Ricola-Gebäudes
Grundriss des Ricola-Gebäudes

Resümee meines Manuskripts

Innerhalb des breiten Spektrum der Beziehungen Kunst/Architektur werde ich hier auf Verhältnis Funktion/Ornament fokussieren, mit dem Versuch dieses in einen historischen-theoretischen Kontext einzubetten.

In mehrere Stellen setzten sich Herzog & de Meuron (hier in einem Foto mit Ai Weiwei) bewusst jenseits der Entwicklung Moderne>Postmoderne, und damit auch jenseits der Dialektik Funktion/Ornament, die jede Phase dieser Entwicklung geprägt hat.

Im Jahr 1995 zBs erkläre Herzog, dass Glas kein Symbol der Modernität ist.

Im Gegensatz zu Deutschland, das von Romantik geprägt ist „in der Schweiz fehlt eine solche Kultur der Radikalität. Daher legen wir die Gegenübersetzung von modernen Glas und traditionellen Stein wider. […] Tradition existiert nicht mehr. Vor zehn oder zwanzig Jahren hoffte die Moderne noch auf eine moderne Tradition, und die Postmoderne versprach, die Bildersprache vergangener Epochen zu erneuern. Heute aber ist die Herstellung eines Bauwerkes jedes Mal ein neues Problem. Was ist ein Theater? Wie sieht ein Fenster aus?“1.

Jenseits der Linearität der Entwicklung von Moderne zur Postmoderne findet sich gleichzeitig die Infragestellung der Funktion und des Materials.

Was für eine Bedeutung hat dann Glas, wenn es kein Symbol der Moderne ist? Wenn es kein Merkmal weder der idealen Transparenz noch der künstlerischen Vollkommenheit?

Um diese Frage zu beantworten eine Voraussetzung ist, dass wir den Bezug zum Referat Architektur/Ideologie parat haben. Historische Ausgangspunkt ist die Mitte der XIX. Jahrhunderts, und zwar die Zeit wann das, was Adorno und Horkheimer Dialektik der Aufklärung genannt haben, fängt an sich zu zeigen.

In jener Zeit:

  • die Umwälzungen der Politik schaffen die Umständen für die Stadtplanung von Haussmann (Paris 1853-70);

  • die Fortschritte der Technik veranlassen das Bauen des Crystal palace (London 1851).

    J. Paxton: Crystal palace (London, 1851)
    J. Paxton: Crystal palace (London, 1851)

Diese Ereignisse, die nur funktionale Ziele zu erfüllen scheinen, weisen in der Tat eine Rückseite auf:

  • die rationalisierte Stadt wird zur Maschinerie der Überwachung und der Kontrolle;

  • die Befreiungskraft des Marktes wird zur kapitalistischen Tyrannei.

Die Idee von Funktion

Im Namen  eines vermeintlich neutralen Funktionalismus wurden architektonische Planungen drastisch durchgesetzt und künstlerische Programme peremtorisch verfochten.

Um die Schwelle zum XX. Jahrhundert scheint der Funktionalismus beherrschend zu sein…

sowie im Russland als auch in den USA, im deutschsprachigen Gebiet als auch im französischen.

…Beherrschend und zugleich mit der Frage nach dem Material verbunden.

Das Glas galt als Inbegriff des modernen Materials und wurde noch als Träger der positiven Utopie wahrgenommen.

Nur in den letzten 50 Jahren wurde diese Wertschätzung kritisch in Frage gestellt.

Offensichtlich bricht diese positive Vorstellung mit dem Ausbruch der Weltkriegen zusammen.

…Und genau aus dieser dramatischen Erfahrung nahmen Adorno und Horkheimer Anlass, ihr Schrift aus dem Exil in den USA zu verfassen. Im Auftakt ihrer Dialektik der Aufklärung schrieben sie: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt“1.

Warum? Woran ist man gescheitert? Warum sind Menschen noch nicht Herren sondern vielmehr durch eine integrierte und zweckgerichtete Kunst beherrscht? Man sei daran gescheitert Funktion und Ornament abzuwägen, und zwar würde die funktionale Seite des Denkens in Form einer „instrumentellen Vernunft“ falsch angesetzt.

Sie beschreiben das Ideal der Aufklärung als das System, „aus dem alles und jedes folgt“. Aus ähnlicher Einstellung zur Vernunft entstand solch einer Funktionalismus, der das Ornament als überflüssige Abweichung von einer ideellen Bauweise verurteilt hat. Das Diktum des modernen Funktionalismus lautet: Form follows function (genauso wie in der von Adorno beschriebene Aufklärung). Der amerikanische Architekt Louis Sullivan (der diese Maxime geprägt hat) schrieb 1896 auch: „All things in nature have a shape, that is to say, a form, an outward semblance, that tells us what they are“2.

Was sich in diesem Leitgedanke versteckt, ist die irreführende Annahme, dass es vor und unabhängig von der Form eine Funktion gibt. In der Tat geht aber jede wahre Wissenschaft von der Beobachtung einer bereit existierenden Form aus. Und keine abstrakte Funktion besteht, der weder die Natur noch ein Architekt eine angemessene Form vergeben kann. Also… Moderner Funktionalismus erweist sich eigentlich, sich auf eine Art platonischen Idee der Funktion zu beziehen.

Wir werden sehen, dass Herzog & de Meuron genau aus dieser widersprüchlichen Tradition entkommen.

Herzog & de Meuron: Ricola Europe (1992/93)
Herzog & de Meuron: Ricola Europe (1992/93)

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3 pensieri riguardo “Funktion/Ornament des Glases

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